Julia

Ihr Herz schlug in der Finsternis.
Es war das erste, was sie wahrnahm von sich selbst.
Dann vernahm sie Stimmen. Erst leise, dann immer lauter
werdende.
Eindeutig war sie nun geworden durch die vielen Stimmen.
Nur ihr Herz tönte anders, was sie verwirrte.
Sie verlor sich im Schlaf und machte damit eine interessante
Erfahrung.
Denn es schien so, dass der Schlaf einen Unterschied bedeutete
zu dem, was die Stimmen vorgaben und das Herz erzählte.
Der Schlaf schien zu einer anderen Sphäre zu gehören, die aber
nicht so klar war wie das Meer und die Küste oder der Himmel
und die Erde.
Man konnte nicht klar unterscheiden. Vielleicht war ja alles nur
Träumen.
Und war es Julia, die dies träumte? Konnte es eine Gewissheit
geben, dass sie nicht nur eine Rolle und Figur zu spielen hatte im
Traum eines anderen?
Sie erschrak bei diesem Gedanken und erblickte im gleichen
Augenblick, den ersten Lichtstrahl ihres Lebens, auf den auch ihr
Herz antwortete, was sich leicht und beschwingt anfühlte.
So lernte sie einen Anflug von Freude kennen.
War das Licht schon immer da, nur dass sie es bisher nicht
bemerkt hatte? Oder träumte sie vom Licht?
Sie richtete sich auf und erkannte eine runde Öffnung, hoch oben
in einer Wand.
Sie musste sich in einem Raum oder Gebäude befinden, dessen
Größe sie nicht sehen und abschätzen konnte, da sich die Ränder
in der Dunkelheit verloren.
Weshalb war sie hier? Und wie kam sie an diesen Ort?
Sie konnte sich nicht erinnern.
Sie folgte dem Lichtstrahl, der an Kraft und Helligkeit
zugenommen hatte und drehte sich um.
Ein größerer Kreis bildete sich an der gegenüberliegenden Wand.
Vorsichtig ging sie in diese Richtung und trat schließlich in den
Lichtkegel ein. Sie sah Teile ihres Körpers:
Arme, Beine, ihren Rumpf, die Nasenspitze und die Oberlippe.
Sie bewegte diesen Körper und machte Bekanntschaft mit ihrem
Schatten.
Er folgte ihren Bewegungen und er schien zu ihr zu gehören.
Diese Entdeckung bereitete ihr Freude, da sie zu einem Tanz
wurde!
Die Freude verlor sich, als sie plötzlich und wie aus dem Nichts,
herablassende Stimmen und Kommentare hörte:
Schau sie dir an, wie anmaßend, aufreizend und unkeusch sie sich
bewegt! Sie kann nichts! Sie ist schuld an allem!
Instinktiv trat Julia aus dem Licht heraus und verschwand wieder
in der Dunkelheit.
Wer waren diese Stimmen? Und woher kamen Sie?
Sie hat keine Berechtigung! Sie sollte sich schämen! Sie hält ja
keinem Vergleich stand!
So lernte sie sich anzupassen, klein und versteckt zu halten.
Sie beobachtete das Licht, das kam und ging, heller und
manchmal schwächer wurde. Sie konnte Nuancen des Lichtes
feststellen und mit dem Licht auch einen feinen Luftstrom
wahrnehmen, der durch die runde Öffnung floss.
Dies wurde ihr zur Nahrung.
Und einmal, als das Licht besonders klar und kräftig war, wagte sie
sich wieder hinein.
Sie begann zu summen und dabei ihren Körper zu bewegen. Die
Freude kam wieder auf und mit ihr sofort die Stimmen:
Die Hure tanzt wieder! Entfernt sie, tötet sie, sie hat es verdient!
Schrill und laut, zu einem Geheule wurden die Stimmen.
Julia jedoch, schenkte ihnen keine Beachtung mehr.
Sie tanzte und bewegte sich wie von selbst und tönte dazu.
Ihre Stimme wurde zu einem Gesang, der die fremden Stimmen
bedeutungslos machte und ihnen ihre Macht nahm.
Sie sah anmutige Bewegungen ihres Gefährtens, des Schattens.
Von oben kam das Licht und strahlte nach innen,
erhellte den Raum, den sie nun, zum ersten Mal deutlicher
erkennen konnte:
Sie sah zusammengekauerte, in Decken und Lumpen gehüllte
Gestalten. Hager, mit leerem Blick und in Höhlen versunkenen
Augen.
Der Anblick erschreckte sie zutiefst und jetzt hörte sie eine
andere, leise und sanfte Stimme:
Wende dich dem Licht zu!
Was sie tat und dabei sang und ihren Körper im eigenen
Rhythmus wiegte.
Da gewahrte sie in der Wand, von der das Licht kam, eine Tür, auf
die sie zuging:
Sie wird sterben, wenn sie ins Licht geht!
Lasst sie nur gehen!
Die Tür war nicht verschlossen, als Julia sie öffnete und ins Freie
trat.
Es war ihr Herz, das kräftig klopfte, frohlockte und es fassen
konnte, als das Licht sie überwältigte.
Für Sandra
RM 21. Februar 2024